Wenn Schülerinnen und Schüler hitzig darüber diskutieren, ob einer, oder sogar konkret wer von ihnen zum Wohl der ganzen Gruppe „geopfert“ wird und „sterben soll“, wenn Sätze fallen wie „die Susanne (Name v. d. Red. geändert), die ist die Schwächste, die bringt uns sowieso nicht weiter“ – dann haben die Schulsozialarbeiter um Mario Papierok wieder eine ganz besondere Form außerunterrichtlicher Lernformate organisiert.
„Heute gibt es die ganze Palette schwarzer Pädagogik“, flüstert Alexej Boris, Gründer und CEO der gemeinnützigen Organisation InsideOut e.V., an den Schülerinnen und Schülern der Klasse 1W25A vorbei, dem begleitenden Lehrer zu. „Strenge, Gehorsam, Kontrolle, Manipulation, Machtausübung, Angst, Schuld – alle Methoden, die im Sinne der Radikalisierung von jungen Menschen genutzt werden.“
In den sogenannten „XGames“, ein als interaktives Spiel getarnter Workshop, spalten Alexej Boris und sein weiß bekitteltes Team die Probanden-Klasse in vier Gruppen, die nun, unterschiedlich uniformiert mithilfe von Warnwesten, in verschiedenen Disziplinen gegeneinander wetteifern. Eine Siegprämie von 500 Euro wird in Aussicht gestellt, jedem Team unwissentlich ein Spion untergejubelt, um dann mit verschiedenen Methoden (z.B. unfaire Bewertung, übertriebene Strenge) Emotionen zu schüren, zu manipulieren, zu verführen.
Egal, wer beim Schiffe versenken die meisten Treffer erzielte oder welche Gruppe ansonsten am besten performte, dank eines findigen Kniffs im Regelwerk wechselt das Geld am Ende natürlich nicht den Besitzer. „Wir konfrontieren Jugendliche spielerisch mit extremistischen Denk- und Manipulationsmustern. Ohne Druck und ohne moralischen Zeigefinger erleben sie, wie solche Mechanismen funktionieren und warum sie wirken können. Das Spiel setzt bewusst auf Erleben statt Belehren. Die Schülerinnen und Schüler treffen Entscheidungen und reflektieren anschließend, wie leicht man in manipulative Strukturen hineingezogen werden kann. Ziel ist es, ihre Widerstandskraft gegenüber extremistischen Narrativen zu stärken und ein Bewusstsein für Gruppendruck und Beeinflussung zu schaffen“, erläutert Alexej Boris die Intentionen des Experiments.
Für die Wirtschaftsgymnasiasten auf jeden Fall eine eindrucksvolle Abwechslung vom üblichen Unterrichtsgeschehen. „Ich hätte nicht gedacht, dass man in der Schule so etwas Außergewöhnliches erlebt“, sagt Rouven Seidel einen Tag nach dem Workshop und der anschließenden Reflexion.
Ähnlich fielen die Feedbacks der anderen Lerngruppen aus, die weitere InsideOut-Aktivitäten erfahren durften. Mehrere Klassen wurden Teil des Theaterstücks „Die letzte Mission“, das niederschwellig an Themen wie Rassismus, Ausgrenzung und Vorurteile heranführt. Der Workshop „Reboot – Demokratie erleben, nicht nur diskutieren“ ermöglichte Jugendlichen in eine politische Simulation einzutauchen, Entscheidungen zu treffen, Konflikte zu erleben und zu spüren, wie komplex demokratische Prozesse tatsächlich sind. Das Programm „N°4 – Empowerment und Demokratie ab A1“ schließlich zielte darauf ab, jungen Menschen im Übergang von Schule und Beruf zu helfen, das Selbstbewusstsein zu stärken und respektvoll miteinander umzugehen.
„Wir bekommen immer sehr positives Feedback“, zeigte sich Mario Papierok zufrieden, sein Dank geht explizit an den Caritasverband Bottrop. Dieser förderte die Kooperation mit InsideOut e.V. durch das Programm Respekt Coaches und unterstützte Vorbereitung und Ablauf auch mit Man- und Womanpower durch die Mitarbeitenden Lisa Köhler, Essayas Lule und Gabriel Gedenk.
Nachtrag: Susanne wurde übrigens nicht geopfert.










