Abenteuer China-Austausch

„Das war die beste Entscheidung meines Schullebens“, philosophiert Vincent Schulze Dieckhoff am Abschlussabend in China. Gerade noch hat er mit Mitschüler Michael Sieber „I gotta feeling“ von den Black Eyed Peas in einem Pekinger Karaoke-Club ins Mikro gegrölt, jetzt sitzt er bei schwül-warmen Mitternachtstemperaturen, Tsingtao, Ananas-Bier und würzigen, ansonsten undefinierbaren Fleischspießchen mit seinen Mitreisenden in einer Straßenkneipe, die vergangenen Tage rekapitulierend. „Unglaublich“, „beeindruckend“ – zwei weitere Kommentare über den Schüleraustausch mit der chinesischen Partnerschule Fengtai Vocational Education Center, der 15 abenteuerlustige Schüler des Berufskollegs aus unterschiedlichsten Bildungsgängen in die mit 21 Millionen Einwohnern und einer Fläche so groß wie Schleswig-Holstein zweitgrößte Stadt der Welt führte. 

Rückblick: Nach rund 24-stündiger Anreise um die halbe Welt und einem ersten Kulturclash auf völlig überfüllten, mehrspurigen Straßen, auf denen sich die Feierabend-Autofahrer keinen Zentimeter schenken, werden die Bottroper von ihren Gastfamilien, chinesischen Lehrern und Schülern mit Applaus empfangen. Die nächsten zwei Tage, das Wochenende, werden die meisten Schüler in familiärer Atmosphäre verbringen, viele bei ihren bekannten Austauschpartnern, andere aber auch bei Lehrern der Schule oder deren Freunden, die in der Metropole mit Wohnflächenmangel ein wenig Platz für einen weiteren Mitbewohner haben. Nathalie Schreder begeistert: „Ich habe bei sehr netten Gasteltern gewohnt, die mich in ein tolles Restaurant ausgeführt und mir das bunte Treiben rund um das Olympiastadion gezeigt haben.“ Einige Schüler verbringen den Samstag mit ihren chinesischen Freunden in einem gigantischen Freizeitpark. Nora Benomrane und Pia Peterknecht werden von ihren Austauschfreundinnen zu einem Ausflug ins Grüne eingeladen. „Das war so toll, ich hätte am liebsten die ganze Woche bei der Familie gelebt“, schwärmt Nora, tief beeindruckt von der Gastfreundschaft und Herzlichkeit.

Mit Beginn der Schulwoche werden die Bottroper Schüler aus organisatorischen Gründen zu ihren Lehrern Klaus Wiegert, Anna Dosoruth, Birgit Reuter, Rainer von Groddeck und Thomas End in einem Hotel nahe des Schulstandorts (einer von neun) untergebracht, in dem von nun an das offizielle Programm stattfinden wird. Zu Beginn eine herzerwärmende Begrüßungszeremonie mit rotem Teppich, Schülern, die Spalier stehen, digitalen Willkommensgrüßen, Plüsch-Geschenken und Reden von Schulleitung und der Abteilungsleiterin „International Affairs.“ Es folgen die Besichtigung der Schule und Unterricht mit Inhalten, die den Deutschen die traditionelle chinesische Kultur näher bringen sollen: Kalligraphie, chinesische Malerei, Scherenschnitt- und Knotenkunst, Volkstanz, das Musizieren auf dem Guzhong (eine Art chinesischer Zitter), eine Sportstunde mit Drumball und das Zubereiten gefüllter Teigtaschen in der Schulküche. „Unsere Schüler haben jede Unterrichtsstunde konzentriert und mit viel Enthusiasmus mitgemacht“, so Klaus Wiegert, Stellvertretender Schulleiter des BKB, zufrieden. Auch Einblicke in den Unterricht der chinesischen Schüler werden der deutschen Delegation ermöglicht. Klaus Wiegert und eine Handvoll technikaffiner Schüler besuchen den KFZ-Mechatroniker-Unterricht, Englischlehrerin Anna Dosoruth schaut einer Sprachkollegin bei den Hotelfachkaufleuten zu: „Die Lehrerin spricht einen Dialog Satz für Satz vor und die Schüler wiederholen diese im Chor. Das unterscheidet sich doch sehr stark von unseren Unterrichtskonzepten hier in Deutschland." Ganz ungewöhnlich für alle Besucher ist eine regelmäßig über Lautsprecher ertönende Unterrichtsunterbrechung, die sich als angeleitete Augengymnastik herausstellt. 

Natürlich kümmern sich die über die Maßen engagierten Chinesen auch um ein eindrucksvolles Sightseeing-Rahmenprogramm: Himmelstempel, Verbotene Stadt, Platz des Himmlischen Friedens, Sommerpalast, Panda-Gehege im Zoo, Hutongs (traditionelle chinesische Gassen), Beihai-See, Hauptstadt-Museum. Das Highlight schlechthin - da sind sich alle einig - die Chinesische Mauer, eines der sieben Weltwunder der Neuzeit, das größte Bauwerk in der Geschichte der Menschheit. „Ich steh hier auf der Chinesischen Mauer - unfassbar!", sagt Fabienne Steffens während sie die steilen Stufen hinauf steigt und mit Schalke-Schal für ein Foto posiert. Einmal mehr stellen sich Chinesen dazu, bitten höflich um Selfies mit den aus ihrer Sicht offensichtlich exotischen Deutschen. Michael Sieber sorgt für wahre Popstar-Groupie-Kreisch-Anfälle bei jungen Chinesinnen. „Große Männer und blonde Frauen sind hier sehr beliebte Fotomotive", erzählt Simon Tewes. 

„Alles in allem eine rundum eindrucksvolle Erfahrung, bei dem Schüler wie Lehrer enorm viel erlebt und gelernt haben", resümiert Klaus Wiegert und gibt erfreuliche Nachricht für die Zukunft: „Die chinesischen Kooperationspartner möchten den Austausch sehr gerne weiterführen und auch wir haben auf der Schulkonferenz beschlossen, dass auch im nächsten Jahr chinesische Schüler zu uns kommen und unsere Schüler nach Peking reisen werden. Eine erste Infoveranstaltung für alle interessierten Schüler und Lehrer ist für den 5. November geplant." 

Unsere Schüler in Peking 

Nora Benomrane, Emily Franosch, Pia Peterknecht, Natalie Schreder, Vincent Schulze Dieckhof, Michael Sieber (alle Berufliches Gymnasium Wirtschaft und Verwaltung), Simon Tewes, Leon Fankhänel (beide Berufliches Gymnasium Informationstechnik), Lisa Marie Krupke, Daniel Ebben (beide Höhere Berufsfachschule Gesundheit und Soziales),  Jennifer Wallenfels (Staatl. geprüfte Kosmetikerin mit FHR), Sara Hartwich, Mara Kabuth, Lina Reifenrath, Fabienne Steffens (alle Auszubildende zu Groß- und Außenhandelskauffrauen) 

Kulinarischer Nachtrag 

Die Chinesen sind hervorragende Gastgeber. Das Essen ist würzig, sehr ausgewogen und bekömmlich, beinhaltet meist verschiedene Fleischgerichte, dazu Reis, Nudeln, gedämpfte Teigtaschen (Dumplings) und Gemüse. In Restaurants sitzen die Gäste oft an runden Tischen, auf denen eine Drehscheibe befestigt ist. Hierauf werden alle Gerichte platziert und jeder nimmt das, was er möchte. Meist wird alles gleichzeitig serviert, nicht wie bei uns in mehreren Gängen. Suppe, Fisch, Fleisch und Dessert - alles wird durcheinander gegessen. Kulinarisches Highlight: die Peking-Ente. 

Auffällig: Chinesische Gastgeber bestellen meist deutlich mehr, als ihre Gäste essen können. Das liegt daran, dass ein Gastgeber, der nicht genügend Essen für seine Gäste hat, sein Gesicht verliert - das Schlimmste, das einem Chinesen widerfahren kann. 

Die Horrorgeschichten von gegrillten Spinnen, Skorpionen, Maden, oder auch Hunden  etc. bewahrheiteten sich im Alltag nicht. Es gibt allerdings einen skurrilen Nachtmarkt in einer Seitenstraße nahe der größten Einkaufsmeile Pekings, der Wangfujing, auf dem solche Spezialitäten angeboten werden.

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