Marlies Winkel – 60 Jahre voller Kraft voraus

Mit knapp 2250 Schülerinnen und Schülern, über 125 Lehrkräften und vielen weiteren Mitarbeitern ist das Berufskolleg der Stadt Bottrop eine kleine Stadt. Alle Menschen haben ihre ganz eigenen Geschichten. Manche davon werden im Rahmen besonderer Anlässe in der neuen Reihe der BKB-Homepage „Köpfe des BKB“ in unregelmäßigen Abständen näher vorgestellt. Den Anfang macht die deutsche Meisterin Ihrer Altersklasse im Kraftdreikampf, die frischgebackene sechzigjährige Marlies Winkel.

Nur wenige Abiturjahrgänge des Wirtschaftsgymnasiums mussten nicht durch die berühmte, manchmal auch berüchtigte mathematische „Winkelschule“. Zumeist im Tandem bringen Marlies und Bernd Winkel Stochastik, lineare Algebra oder Matrizenrechnung an den Mann oder die Frau der jeweiligen Grund- und Leistungskurse. In diesem Jahr kann Marlies Winkel über den LK der Oberstufe nicht klagen: „Alle sind gut dabei, denen muss man nicht viel erklären, weil sie logisch denken können. Das ist richtig entspannend!“ Bei diesen Sätzen huscht ihr ein Lächeln über das Gesicht, weil sie aufgrund ihrer langjährigen Berufserfahrung weiß, dass nicht jeder Kurs so reibungslos zum Abitur marschiert. Auf die Nachfrage, ob ihr dennoch die Arbeit mit jedem Kurs Spaß mache, antwortet Winkel ohne zu zögern: „Natürlich, logisch!“

Das Wort „logisch“ verwendet Winkel übrigens oft – sicherlich zumeist unterbewusst, aber schon so eindeutig eingesetzt, dass man von einer Art Lieblingswort oder einem Motto sprechen könnte. Logisch sei es zum Beispiel gewesen, vor mehr als 30 Jahren Mathematik und Physik auf Lehramt zu studieren, da ihr zum einen die naturwissenschaftliche Richtung schon früh Freude bereitet und zum anderen weil es sich, natürlich, um logische Fächer gehandelt habe. Ihre ersten Sporen im Schuldienst verdiente sich Winkel in Herne, unter anderem im Kfz-Bereich. Über Schulen in Bochum-Wattenscheid und Recklinghausen führte sie ihr Weg ans BKB. Auf die Frage, wann das genau gewesen sei, weiß Winkel keine Antwort. „Für solche Fragen ist der Bernd zuständig“, meint sie lachend.

 „Der Bernd“ ist natürlich ihr Ehemann, mit dem Marlies Winkel seit 36 Jahren verheiratet ist – diese Zahl vergesse sie nicht, schließlich kenne man sich bereits seit dem Sandkasten. Den vier Kindern folgen nun in regelmäßigen Abständen Enkelkinder, die an einem „Oma-Tag“ natürlich verwöhnt werden. Neben der Familie spielt für Marlies Winkel aber auch der Kraftsport eine besondere Rolle. Bereits seit 30 Jahren ist sie diesem Sport verbunden, Wettkämpfe macht sie seit einem Jahrzehnt. In ihrer Altersklasse ab 60 Jahren ist sie deutsche Meisterin im Kraftdreikampf, bestehend aus Bankdrücken, Kniebeugen und Kreuzheben. Wenn man zusätzlich bedenkt, dass sie auch Europameisterin mit Europarekord im Bankdrücken ist, kann man bei Marlies Winkel schon von einem kleinen Kraftpaket sprechen.

Warum sich Winkel für Kraftsport entschied, ist logisch zu erklären. Aufgewachsen in einem konservativen Elternhaus und einer Zeit, in der Frauenfußball mehr belächelt als gespielt wurde, war Kraftsport für sie der Sport Nr. 1, um sich auszupowern und Größenvorteile auszunutzen. „Natürlich helfen mir meine guten Hebel und meine relativ geringe Körpergröße, die optimale Kraft zu entfalten. Beim Volleyball oder in der Leichtathletik, zwei Sportarten, die ich gerne gemacht habe, hätte ich diese Vorteile nicht nutzen können,“ so Winkel, die ergänzt, dass ihr großes Ziel der Weltmeistertitel ist. „Bisher waren die Austragungen immer sehr weit weg – Japan, China, etc. Wenn es hier um die Ecke wäre, wäre ich dabei. Die Halle meines Vereins TV Röhlinghausen würde mir gefallen…“

Wie ernst Marlies Winkel ihren Sport nimmt, sieht man an ihrem festen Trainingsplan, und daran, dass sie ihren vor kurzem stattgefundenen 60. Geburtstag vorgezogen hat. Logisch, es war Training! Nichtsdestotrotz steht die Familie an erster Stelle. „Ich mache den Sport nur so lange, wie ich die Kraft und die Lust habe. Meine Enkel kann ich ja auch ohne Training tragen“, lacht Winkel, die abseits des Sports, der Schule und der Familie gerne Krimis von Henning Mankell oder Andreas Franz liest. Bisher ist ihr aber noch kein Buch untergekommen, in dem Kraftdreikampf eine olympische Disziplin war. Auf die Frage, ob sie sich das wünschen würde, hat Winkel eine eindeutige Antwort: „Prinzipiell hätte es dieser Sport verdient, aber da viele auf Hilfsmittel zurückgreifen, würde es in einer Materialschlacht enden. Daher eher nein! Ein Wettkampf muss doch fair bleiben, oder!“ Dem kann man sich nur anschließen: Es ist ja logisch!

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